Die Wende vielleicht schon geschafft

Forum Alpbach. Harald Raupenstrauch, Vorstand des Departments Umwelt und Energieverfahrenstechnik der Montanuniversität Leoben, proklamiert bei der Alpbacher Session 01 das „Ende der Energiewende“.

Der Titel Ihrer Session lautet „2015:Das Ende der Energiewende“. MeinenSie das tatsächlich ernst?
Harald Raupenstrauch: Dieser Titel ist durchaus ernst gemeint und bewusst so formuliert. 2015 ist jetzt, nicht erst in zehn oder oder 20 Jahren – das erhöht den Druck, denn die Entscheidung fällt jetzt, nicht erst in einigen Jahren, ein Hinausschieben wäre fatal.
„Das Ende der Energiewende“ –ohne Fragezeichen: Das fehlende Fragezeichen erhöht den Druck auf den Leser weiter, beziehungsweise auch das Unwohlsein bei dem Gedanken,es könnte bereits zu spät sein. Außerdem sind viele Aspekte der Energiewende bereits seit Jahrhunderten bekannt: Einer drohenden Rohstoffknappheit etwa wurde in Schottland bereits 1563 gesetzlichent gegengewirkt, an derErhöhung der Energieeffizienz wird seit der Erfindung der Dampfmaschine kontinuierlich geforscht und auch die Gefahr des Klimawandels wurde bereits vor 120 Jahren erkannt.
Man kann das Ende der Energiewende daher auch so sehen, dass wir möglicherweise die Wende bereits geschafft haben – auch das wäre das Ende der Wende, allerdings in positiver Hinsicht. Und so absurd ist dies auch nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass in Europa bereits mehr Energie aus Windkraft als aus Atomkraft bereitgestellt wird.

Sie haben Vortragende aus unterschiedlichsten Fachrichtungen eingeladen. Wie kann zum Beispiel Klima- oder Migrationsforschung zum Gelingen der Energiewende beitragen?
Raupenstrauch: Die Behandlung der Energieproblematik ist nicht isoliert möglich, da es sich um einen riesigen Fragekomplex handelt, in dem verschiedenste Fachbereich mitberücksichtigt werden müssen. Ein Beispiel: Zur Sicherung der Rohstoffversorgung werden Recyclingquoten immer weiter nach oben geschraubt – dies bedeutet aber, dass damit der Energieverbrauch deutlich zunimmt – das Rohstoffproblem kann also das Energieproblem noch weiter verschärfen.
Das heißt, Recycling ist nur dann nachhaltig, wenn die dafür benötigten Energie nachhaltig und ausreichend zu Verfügung gestellt und/oder durch ein intelligentes Sammelsystem und Produktdesign reduziert werden kann.
Auf der anderen Seite sieht man, dass aufgrund veränderter technischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungendie Reichweite der Energierohstoffe über Jahr egleich geblieben ist, beziehungsweise sogar weiter steigt.
Dies bedeutet, dass nicht die Endlichkeit der fossilen Energieträger das Nadelöhr darstellt, sondern vielmehr die maximale Belastbarkeitder Atmosphäre mit Treibhausgasen, etwa CO2. Der Klimawandel aufgrund des Treibhauseffektes wird heute praktisch von niemandem mehr geleugnet. Aufgrund des Klimawandels werden einerseits manche Gebiete unbewohnbar und andererseits werden Industriebetriebe ihre Standorte dorthin verlegen, wo auch künftig ausreichend, wirtschaftlich und nachhaltig die erforderliche Energie bereitstellen kann – die Folge davon sind Migrationsströme.

Ihr Lehrstuhl ist bekannt dafür, ausgerechnet mit jenen Industriezweigen zusammenzuarbeiten, diebesonders viel Energie benötigen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Raupenstrauch: Nein, ganz im Gegenteil. Viele Prozesse bedürfen hoher Temperaturen und sind daher mit einem entsprechenden Energiebedarf verbunden. Das Department für Umwelt- und Energieverfahrenstechnik mit seinen vier Lehrstühlen beschäftigt sich unter anderem mit Möglichkeiten, fossile Energieträger durch nachhaltige Energieträger zu ersetzen und mit der Steigerung der Energieeffizienz einzelner Anlagen, aber auch großer industrieller Systeme, bis hinzu ganzen Regionen.
Und da für einen sinnvollen und optimalen Einsatz erneuerbarer Energiequellen auch die Speicherung derselben essentiell ist, gibt es dazu auch eine Reihe von Forschungsprojekten an der Montanuniversität Leoben. Ganz wesentlich ist allerdings die Ausbildung unserer Studierenden im Bereich von energietechnischen Fragen.Deswegen wurde vor fünf Jahren das Masterstudium “IndustrielleEnergietechnik“ an der Montanuniversität ins Leben gerufen und vor drei Jahren durch ein entsprechendes Bachelorstudium ergänzt. Dieses Studium bietet eine hervorragende Ausbildung und ist eine ausgezeichnete Basis, um zur Lösung der Energieproblematik beizutragen.

Die Session „2015 – Das Ende der Energiewende“ findet im Rahmen der Technologiegespräche statt. Hat die Energieforschung versagt, weil viele offene Fragestellungen noch immer nicht gelöst wurden?
Raupenstrauch: Nein, ganz und gar nicht. Es wurden in vielen Forschungsbereichen bereits riesige Fortschritte im Bereich Umwandlung, Verteilung und Speicherung von Energie erzielt, die vor allem inder Industrielandschaft Europasschon eine breite Umsetzung erfahren.
Eine am Lehrstuhl für Thermoprozesstechnik durchgeführte Dissertationhat Faktoren untersucht, welche die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen sowie den Umstieg auf erneuerbare Energieträger am meisten beeinflussen. Es ist nicht überraschend, dass sich die Politik als einflussreichster Faktor her ausgestellt hat. Durch eine geeignete Forschungsförderung werden energierelevante Themen gezielt weiterentwickelt, durch eine geeignete Gesetzgebung kann die Einführung und Umsetzung alternativer Methoden beschleunigt werden – hier orte ich noch einen großen Handlungsbedarf.

Forschung im Dienste der Energieeffizienz

Die Montanuniversität Leoben kann auf eine lange Forschungs und Lehrtradition im Bereich Energie, besonders aber in der Thermoprozesstechnik verweisen.
Der Lehrstuhl für Thermoprozesstechnik, der in das Department für Umwelt- und Energieverfahrenstechnik eingebunden ist und seit 2007 von Prof. Harald Raupenstrauch geleitet wird, lässt sich zurückführen auf die Lehrkanzel für Allgemeine Metall- und Sudhüttenkunde, die im Studienjahr 1911/12 eingerichtet wurde. Heute gliedern sich die Forschungsprojekte des Lehrstuhls in die Arbeitsgebiete (Hochtemperatur-) Prozesstechnik, Industrielle Energietechnik, Prozess- und Anlagensicherheit sowie Mathematische Modellierung und Computersimulation.

Vernetzte Forschungsarbeit

Alle vier Forschungsbereiche sind eng miteinander verknüpft: Die Hochtemperatur-Prozesstechnik etwa befasst sich mit der Weiterentwicklung von Industrieöfen und der Erforschung von Recyclingprozessen im Hochtemperaturbereich, die natürlich Fragestellungen der Industriellen Energietechnik nach sich ziehen. Dabei muss auch der Prozess- und Anlagensicherheit große Beachtung geschenkt werden, und schließlich entwickelt der Arbeitsbereich Mathematische Modellierung und Computersimulation formale Modelle für chemische und fluiddynamische Prozesse aller drei genannten Arbeitsbereiche des Lehrstuhl. Einen Schwerpunkt erfährt in diesem Zusammenhang auch die Lehre: So wurde an der Montanuniversität Leoben das Masterstudium „Industrielle Energietechnik“ eingerichtet und durch ein entsprechendes Bachelorstudium ergänzt.

<link www.unileoben.ac.at>www.unileoben.ac.at</link&gt;

Zur Person

Prof. Harald Raupenstrauch ist seit 2013 Vorstand des Departments Umwelt- und Energieverfahrenstechnik an der Montanuniversität Leoben. Er fungiert als Veranstalter der Breakout Session 01, die am 28. August von 13:00 bis 18:00 Uhr im Rahmen des Forums Alpbach in der Alpbacher Hauptschule stattfindet. Das Thema der Veranstaltung ist mit „Das Ende der Energiewende“ betitelt.

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